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"Den kenne ich. Das ist mein Nachbar"

Mitteilungsblatt 2017 KW 47

Barbara Hostadt (BH) und Martial Nkodjio (MN) im Gespräch mit Matthias Vering (MV)

 

MV: Vielen Dank, dass ihr beiden Zeit gefunden habt für dieses Gespräch. Barbara, darf ich bei dir mit meiner ersten Frage anfangen? Seit wann bist du schon in Deutschland?

BH (lacht): Das ist wirklich eine gute Frage. Ich bin ein Flüchtlingskind – im wahrsten Sinn des Wortes. Meine Mutter ist mit uns aus Ostpreußen geflohen. Sie war mit mir schwanger, und so bin ich in dem Teil Deutschlands geboren, der nachher die DDR wurde. Ich bin als Flüchtling auf die Welt gekommen.

MV: Und du, Martial, wie lange bist du schon in Deutschland?

MN: Ich bin seit zwei Jahren in Deutschland. Ich komme aus Kamerun. Ich bin als Flüchtling nach Deutschland gekommen.

MV: Barbara, wie war das, als du überlegt hast, einen Teil deiner Wohnung an einen Flüchtling zu vermieten. Hattest du Bedenken?

BH: Meine Nichte hat hier schon gewohnt, als sie studiert hat. Daher wusste ich, wie es ist, seine Wohnung mit jemandem zu teilen und eine Untermieterin zu haben. Und dann hörte ich, wie sehr der Wohnraum knapp ist und wie dringend Flüchtlinge eine Unterkunft suchen außerhalb der Gemeinschaftsunterkunft in den Containern. Und dann habe ich überlegt, wie ich das machen kann.

MV: Und wie habt ihr euch kennen gelernt?

BH: Das war Ende 2016. Martial, du hast damals bei der BEQUA in Bruchsal gearbeitet, und die Leiterin der BEQUA, Sabine Schroter, die kannte dich. Die hat zu mir damals gesagt „Den Martial kannst du unbesehen als Mieter nehmen!“

MN: Ich erinnere mich auch noch gut.

MV: Was war dein erster Eindruck von Barbara?

MN: Ich lernte eine nette Frau kennen. Deine Tochter kannte ich schon und da dachte ich: „Diese Mama ist eine gute Frau!“ Bei uns in Afrika sind ältere Frauen für uns „Mama“, und das dachte ich über dich: Du bist eine gute „Mama“ für mich.

BH: Mein erster Eindruck von Martial war ein freundlicher junger Mann. Ich weiß noch, wie schwer es dir gefallen ist, mich nicht „Mama“ zu nennen, sondern Barbara zu mir zu sagen. Du hast mich gefragt, welche Regeln hier gelten. Weißt du noch?

MN: Ja, das stimmt. Für mich war das ganz normal. Ich wollte wissen, welche Regeln du für mich hast. Wann soll ich nach Hause kommen? Ich fand, dass du eine tolle „Mama“ warst. Und ich hab mich gewundert, dass du nicht „Mama“ genannt werden wolltest.

BH: Ich weiß noch, wie du nach den Regeln gefragt hast. Und ich habe gesagt: Hier gibt es keine Regeln, die ich für dich habe. Ich bin nicht deine Mama, sondern ich vermiete dir ein Zimmer. Du kannst kommen und gehen, wann du willst.

MN: Und für mich war es ganz komisch, dich „Barbara“ zu nennen. Das macht man doch nicht! So habe ich gedacht. Aber es ist gut. Ich lerne das. Du bist nicht meine „Mama“. Ich bin erwachsen und für mich selbst verantwortlich. Und es war gut, dass wir darüber reden konnten.

MV: Was war am Anfang das Schwierigste für dich, Martial?

MN: Die Sprache. Ich wollte viel lernen und schnell lernen. Aber es ist wirklich schwer.

MV: Barbara, hat Martial Deutsch gut gelernt?

BH: Ja, er konnte ja schon Deutsch durch die Kurse und durch die Arbeit. Aber der Wortschatz hat sich verbessert und die Aussprache ist viel besser geworden. Manchmal kommt er von der Arbeit und fragt mich nach Wörtern, die er nicht versteht. (lachend:) Neulich hat er mich gefragt: „Was heißt ‚verarscht‘?“ Oder ein anderes Mal: „Was ist ein Tempo?“ Du machst das wirklich gut, Martial. Ich finde das gut, wie du das machst.

MV: Was ist deine Arbeit, Martial?

MN: Ich bin in der Ausbildung. Ich lerne Altenpflege. Dazu bin ich in der Schule in Heidelberg und im Betrieb in Östringen. So arbeite ich und gehe zur Schule. Ich bin froh, dass ich das machen kann.

MV: Wie war das am Anfang, Martial, als du in der Gemeinschaftsunterkunft warst?

MN: Das war ok. Ich hatte ein Dach über dem Kopf und musste nicht auf der Straße schlafen. Und ich mag es, wenn es respektvoll ist. Und – wie sagt man? – tolerant? Ja – tolerant! Das mag ich, dass jeder hier seine eigene Meinung haben kann und niemand regt sich auf. Und dann die Freiheit: Ich kann gehen, wohin ich will und muss keine Angst haben. Das finde ich schön an Deutschland.

MV: Wenn jemand darüber nachdenkt, einen Raum zu vermieten, z.B. an Flüchtlinge, welchen Rat gibst du?

BH: Ich finde es wichtig, dass jeder seinen eigenen Bereich hat. Es ist gut, wenn sich Gemeinschaft entwickelt, aber das kommt nach und nach. Jeder braucht die eigene Unabhängigkeit. Ich möchte ja keine Wohngemeinschaft, sondern einen Mieter. Und dann ist es wichtig, dass man rechtzeitig redet, wenn etwas zu klären ist. Was denkst du, Martial?

MN: Ja, reden ist wichtig. Einmal hatte ich die Musik zu laut und es hat die Nachbarin gestört. Sie hat es gesagt und dann war es klar. Und weißt du noch – der Fisch?

BH (lachend): Ja – der Fisch! Martial kocht sich zum Frühstück Fisch. Mich stört das nicht, aber meine Enkelin hat sich einmal morgens beim Frühstück beklagt: „Das kann ich nicht riechen!“ Da haben wir dann abgemacht, dass es kein Fisch-Frühstück gibt, wenn meine Enkel zu Besuch sind.

MV: Was haben die Nachbarn gesagt, als Martial hier eingezogen ist?

BH: Also – mich hat das gewundert. Niemand hat gefragt, wer das ist oder woher er kommt oder warum er bei mir wohnt.

MN: Ich habe aber neulich etwas bei der Sparkasse erlebt. Der Mann fragt mich, ob ich in der GU wohne. Ich sage: „Nein. Ich wohne in Mingolsheim.“ Dann will er die genaue Adresse wissen. Jemand steht in der Nähe und sagt zu dem Mann: „Den kenne ich. Das ist mein Nachbar!“ Das hat mich gefreut.

BH: Ja. Das ist schön, dass du hier ein zu Hause hast und nette Nachbarn.