Weihnachten: Eine Fluchtgeschichte

Die meisten von uns kennen die berühmte Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von Kaiser Augustus ausging...“ mit singenden Engeln, eilenden Hirten und dem erstgeborenen Kind von Maria und Josef, das in einer Krippe liegt, weil in der Herberge kein Platz für sie war. Es gibt im Matthäus- Evangelium noch eine ganz andere Weihnachtsbotschaft. Ein göttlicher Befehl wird Josef da erteilt: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.“ (Mt 2, 13)

 

Welcher Vater und welche Mutter würden nicht auch heute noch alles in Bewegung setzen, um das Leben ihres Kindes zu retten? Der göttliche Befehl will das Leben des Kindes und das Glück der Familie schützen und bewahren. Die Schergen der Herrscher sind ihm auf den Fersen. Auch wenn viele der zu uns Geflüchteten keine Christen sind und das Evangelium für sie nicht Heilige Schrift ist, so können sie doch alle nachvollziehen, wie groß die Furcht und die Sorge gewesen sein muss und wie viel Hoffnung sich mit der Flucht der Familie damals ebenso wie heute verbindet.

 

Die Weihnachtsgeschichte ist nicht nur die Geschichte von Engeln und Krippe und Hirten, sondern auch von mörderischen Machthabern und fliehenden Eltern mit einem Neugeborenen. Die Weihnachtsgeschichte ist eine Fluchtgeschichte. Ob diejenigen, die meinen, das Abendland vor den Islamisten retten zu sollen, davon eine Ahnung haben? Ob sie wissen, dass Josef, Maria und Jesus in Ägypten damals Asyl gefunden haben? Ob irgendjemand damals wohl auch „Wir schaffen das!“ gesagt oder gedacht hat? Und ob es auch damals schon die „Ausländer raus!“-Rufe gegeben hat?

 

Wie gut, dass es auch bei uns viele gibt, die gemeinsam viel geschafft haben. Wie gut, dass wir in einem Land leben, in dem die Krakeeler in der Minderheit und die Anständigen in der Mehrheit sind. Wie gut, dass wir hier bei uns Platz haben für die, die dringend einen Platz brauchen für sich und für ihre Kinder. Wie schön, dass es Kinder gibt, die mit den neu angekommenen fremden Kindern spielen und sie einladen, mitzumachen. Wie gut, dass es wenig Aufregung und viel Normalität bei uns gibt in Sachen Flüchtlinge. Die Qualität unserer Gesellschaft erkennt man daran, wie wir mit denen umgehen, die eher am Rand stehen.

Wir möchten uns bei allen bedanken, die dazu beigetragen haben, dass unter uns der Frieden erhalten bleibt, weil wir Platz geschaffen haben für die, die auf uns angewiesen sind. Danke an alle Hauptamtlichen in Kommunen und Behörden, danke an alle Ehrenamtlichen und danke an alle, die sich die Freundlichkeit und Zugewandtheit bewahrt haben. Ihnen allen – und auch den „Ausländer- Raus!“-Schreiern, wünschen wir ein gesegnetes Weihnachtsfest. Und uns allen – den Flüchtlingen und den Einheimischen, wünschen wir den Frieden, in dem wir alle miteinander sicher leben können.
(Matthias Vering für die Flüchtlingshilfe)